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KSJ Trier

KSJ Trier

Katholische Studierende Jugend Diözese Trier

Ein kleiner Verband mit großer Tradition

15. Juni 2012 | Kommentare deaktiviert für Ein kleiner Verband mit großer Tradition

Die Katholische Studierende Jugend im Bistum Trier

Artikel von Jutta Lehnert (2012)

„Was macht Ihre Kirchensteuer in der KSJ?
Sinn.“
(Transparent während der Protestaktionen gegen die Kürzungspläne der Bistumsleitung 2010)

Am einfachsten lassen sich die Ziele, Arbeitsansätze und Entwicklungen dieses kleinen Jugendverbandes erklären, wenn man seine Auseinandersetzungen mit den veränderten gesellschaftlichen und kirchlichen Bedingungen betrachtet. Es geht dabei um die Rettung und das Bewahren von Inhalten durch Jugendliche, die gleichzeitig selbst den rasanten Veränderungen ausgesetzt sind.

Denn dieser Verband wird in der Hauptsache von Schülerinnen und Schülern, von Studierenden und Auszubildenden getragen; ihr selbstbestimmtes Engagement ist seine zentrale Säule.

  1. Die Veränderungen in Schule, Ausbildung und in der Kommunikation haben Folgen

Schülerinnen, Schüler und Studierende sind seit der GATS-Verhandlungsrunde 2002, die eine internationale Privatisierung der Bildungssysteme zur Folge hatte, stärker unter den Druck von Verzweckung, Enteignung und Entfremdung geraten. Die schleichende Umwandlung der Bildung von Persönlichkeitsbildung hin zu Dienstleistung und Ware hat eine „innere Landnahme“ zur Folge: Verzweckung wird inkorporiert, Anpassung gewinnt Tiefenwirkung, Dauercasting wird zur Norm. Durch die neuen Medien und sog. sozialen Netzwerke wird die Kommunikation breiter und zeitraubender, aber teilweise auch leerer.[1] Eine typische Erfahrung: Es lässt sich kaum noch studieren, ohne Mitglied bei Facebook zu sein und damit seine Daten auszuliefern….Der digitale Kapitalimus hat seine Jugend nicht nur gefunden sondern selbst gezeugt.[2]

Die Folgen für die Jugendlichen liegen auf der Hand: Zeitdruck, der kaum noch Raum für selbstbestimmtes Engagement lässt, Verschüttung von freiheitlichem Potential, Verlust des Möglichkeitssinns[3] und eine verzweckte Taktung des Lebens. Diese Beeinträchtigungen sind als Bedrohungen der Subjektwerdung Jugendlicher zu sehen, als Gefahren für ein demokratisches und solidarisches Menschsein.

  1. Auch die innerkirchlichen Entwicklungen erschweren die Arbeit

Waren die Jugendverbände noch bis in die 90ger Jahre hinein bewusst geförderte und gewollte Strukturen der kirchlichen Jugendarbeit[4], sind sie in den letzten Jahren unter den Erwartungsdruck der kirchlichen Verwaltung und ihre Zentralisierungstendenzen geraten. Die Jugendzentralen im Bistum Trier beispielsweise, die regional vernetzt und verantwortet waren, wurden personell aufgestockt und direkt der Bistumsverwaltung unterstellt. Die Folge: Ein immer stärkeres Angebot an offiziell ausgerichteten Großveranstaltungen mit Eventcharakter stellt Kooperationserwartungen an die Jugendverbände, das Verständnis für den Charakter, die Ziele und die Aufgaben der selbstorganisierten Jugendverbände schwindet. Pläne für Finanzkürzungen taten ihr Übriges, um den Erwartungsdruck an die Jugendverbände und ein Wohlverhalten in diesem Kontext abzunötigen. Die vielfältigen und zeitaufwendigen Kooperationen im Rahmen dieser wachsenden Event- und Popkultur enthalten auf Dauer die Gefahr, die Arbeit am je eigenen Profil zu vernachlässigen. Die KSJ Trier, die sich gegen diese Vereinnahmungstendenzen wehrt, gerät immer stärker in Konfliktlinien auch innerhalb des BDKJ.

Die jüngsten Verhandlungsrunden im sog. „Klärungsprozess“ im Rahmen der Kürzungsabsichten der Bistumsverwaltung zeigen deutlich, dass mit der Idee einer engeren Verknüpfung der Jugendverbände mit der Abteilung Jugend des Generalvikariates unter ein gemeinsames Dach eines „Hauses der Jugendpastoral“ der Erhalt der Eigenverantwortlichkeit der Jugendverbände auf dem Spiel steht.

Das durch Taufe und Firmung eigenverantwortliche Glaubenszeugnis ist aber der Kern der Jugendverbände; damit ist ihr wesentlicher Auftrag vor dem Hintergrund des Laienapostolats in der Kirche berührt. Gefordert vom 2. Vatikanischen Konzil [5] und rechtlich verankert im CIC 309 nehmen die Jugendlichen in ganz unterschiedlichen Funktionen und Rollen ihren Auftrag wahr.

  1. Traditionen, denen sich die KSJ verpflichtet weiß

Die KSJ sieht sich in einer ganz besonderen Verpflichtung: 1919 auf jesuitische Initiative gegründet, um innerkirchlich und gesellschaftlich Jugendliche zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit den Inhalten des Glaubens anzuregen, steht sie in der widerständigen Tradition beispielsweise von Willi Graf, Alfred Delp und Maurice Bavaud. In ihrem personalgemeindlichen Selbstverständnis kann sie sich neben territorialen Kirchengemeindestrukturen aufbauen und vernetzen (eine Struktur, die sich bei den größer werdenden pastoralen Einheiten für alle Jugendverbände im BDKJ als Vorteil für die Zukunft der Kirche erweisen könnte).

Deshalb war es auch leicht, relativ schnell nach dem Konzil aus den Weiterentwicklungen der neuen politischen Theologie, aus Befreiungstheologie und aus der feministischen Theologie Gewinn für die Reflexion ihrer praktischen Arbeit zu ziehen. Das ist vor allem am Grundsatzprogramm, der „Plattform“, (Erstfassung 1972, Teil 2 1994) erkennbar: „Herrschaft Gottes ist alternativ zu jeder denkbaren menschlichen Herrschaft; jede Herrschaft von Menschen über Menschen ist damit in Frage gestellt….eine unkritische Identifikation mit der konkreten Gestalt der Kirche ist nicht möglich. Überall da, wo sie statt zu dienen zu herrschen versucht, muss sie sich der Selbstkritik unterziehen.“ Konkret zeigt sich das für die KSJ Trier besonders deutlich im jeweiligen Schulungsprogramm für die ehrenamtlichen Teams, welche theologischen, politischen und pädagogischen Konsequenzen sich aus den Grundlagen ziehen lassen. Als praktisches Beispiel sei hier die kontextuelle Bibellektüre erwähnt, die Gottesdienste, geistliche Impulse, Bibelarbeiten bei Tagungen und die KarTage der KSJ prägt.

  1. Jugendliche können das, was man ihnen zutraut

Alle Teams des Verbandes, auch die gewählte Diözesanleitung, sind in einem für Jugendliche überschaubaren und organisierbaren Zeitrahmen verantwortlich: Für ein Jahr. Themen und Ausrichtungen werden nach gemeinsamer Reflexion der Diözesankonferenz entschieden, lassen den Teams aber in der Ausgestaltung sehr viel Freiheit. Wer Verantwortung übernimmt, ist zu Schulung und Weiterbildung verpflichtet, deren drei Säulen „wertschätzende Pädagogik“, „biblisch orientierte Theologie“ und „politisches Bewusstsein“ zur Persönlichkeitsbildung beitragen. Ein besonderes Augenmerk gilt seit 2008 dem Schutz des Kindeswohls.

Die Jugendlichen entscheiden in den Teams und Konferenzen selbst, wie sie die gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Entwicklungen wahrnehmen, beurteilen und bearbeiten wollen. Das kann zur Entwicklung ganz neuer Arbeitsformen führen (Beispiele: das neue Schülercafé „Scheinbar“ in Trier und Mitarbeit bei Projekttagen an Schulen), zu Vernetzungen mit außerkirchlichen Gruppen (Beispiele: Mitarbeit in den Initiativen „Eine Schule für alle“ und „Bündnis gegen rechts“), zur intensiven Bearbeitung eines Themas durch Tagungen (beispielsweise zur Finanzkrise, zu Nahrung und Essenskultur, zu Jugendlichen ohne Papiere in Deutschland) oder zu klaren öffentlichen Stellungnahmen (Beispiel: Stellungnahme der KSJ zur sexualisierten Gewalt in der Kirche).

Für die pädagogische Begleitung steht ihnen ein/e hauptamtliche/r Sozialpädagoge/in zur Verfügung, dessen/deren Fachaufsicht bei der gewählten Diözesanleitung liegt und der/die (neben einer halben Verwaltungsstelle) aus Kirchensteuermitteln finanziert wird. Die theologische Begleitung ist Aufgabe der geistlichen Leitung, die nach Möglichkeit entsprechend der Regelung für die gesamte Diözesanleitung paritätisch zu besetzen und zu wählen ist. [6]

  1. Was Jugendliche heute brauchen

Sie brauchen einen Platz, an dem sie willkommen sind, das Gefühl, dass sie ihre Fähigkeiten einsetzen können, die Erfahrung, dass ihr Engagement nicht vergeblich ist, die Offenheit, neue Vorschläge machen zu können, die Verlässlichkeit von Erwachsenen, die mit Kritik professionell umgehen können, den Schutz vor Verletzungen unterhalb der Grenzen einklagbaren Rechts, die Ermöglichung von Tiefe durch eine gute Sprache jenseits degenerierter Spiritualität, die Rettung des diskursiven und kritischen Denkens vor den modernen Grenzen der Aufklärung, die praktische Zusage ihrer Würde, die Ermutigung zu Eigensinn und Rückgrat. Ein kleiner Jugendverband wie die KSJ Trier arbeitet daran mit, dass Jugendliche (und Kinder) diese Erfahrungen machen können. Dabei sind sie nicht zur Mitgliedschaft im Verband verpflichtet, sondern zur aktiven Teilnahme auch ohne Zahlung des Mitgliedsbeitrages eingeladen. Lediglich das Stimmrecht ist an den Mitgliedsbeitrag gebunden, um den Zusammenhang von Selbstverpflichtung und Gemeinschaftlicher Verantwortung zu wahren.

  1. Interessante Projekte der KSJ Trier aus jüngster Zeit

Über vier Jahre hat ein Team der KSJ einen Firmkurs in Kooperation mit der Bundesebene des Verbandes durchgeführt und dabei die gute Erfahrung gemacht, dass es nicht schwer ist, Jugendliche mit zentralen Fragen des Glaubens in Berührung zu bringen. Die Möglichkeit, über die gewohnten Gemeindestrukturen hinaus Jugendliche in ihren Kontexten (Schule, Gruppe) einen Glaubens- und Firmkurs anzubieten, könnte Anregung für neue Wege in der Firmpastoral sein.[7]

Mehrere Monate lang haben 23 Jugendliche auf eine Fahrt nach Auschwitz vorbereitet und die KarWoche dort verbracht, im „Zentrum für Dialog und Gebet“, direkt neben Stammlager und Museum. Aus diesem Projekt ergab sich direkt das aktuellste:

Im Zeitraum der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 wird im KSJ Haus in der Weberbach 72 auf dem Dachboden das Kleid der KZ-Überlebenden Zofia Klinke zu sehen sein. Begleitet von einigen Veranstaltungen und einer Ausstellung sind Interessierte eingeladen, neben dem Kleid in Stille zu verweilen. Für Schulklassen gibt es eine Unterrichtseinheit und das Angebot, ein Begleitprogamm zu vereinbaren.

Hier ist wieder die Verknüpfung von Politik, Pädagogik und Theologie zu erkennen: „Wie der gerettete Leibrock Jesu „spricht“, so „spricht“ dieses Kleid zu uns heute. Es hat jahrelang die Erfahrung von Demütigung, Angst und Gewalt aufgesogen…“.[8]

Im Schülercafé „scheinbar“ gibt es eine Reihe von Abendveranstaltungen, die es Jugendlichen ermöglichen, mit ProfessorInnen der Trierer Universität zu sprechen und sich über die Anforderungen bestimmter Studiengänge zu erkundigen.

  1. Auf der Suche nach neuen Wegen und Orten

Weil die KSJ sich als Teil der Kirche versteht („Wir sind Kirche, aber ganz anders!“), sieht sie sich verpflichtet, immer wieder neu die sich verändernde Lebenslage von Kindern und Jugendlichen kritisch in den Blick zu nehmen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, in der „Verwirrung der Stimmen“ die Stimme zu verstärken, die nach Gerechtigkeit ruft. Konkret kann das bedeuten, dass ein Sommerlagerteam sich besonders gut auf den Umgang mit Kindern vorbereitet, die aus benachteiligten Familien kommen oder dass der Gottesdienst an einem thematischen Wochenende eine ansprechendere Form und eine neue Gebetssprache finden muss.

Es mag sein, dass es in einer gesellschaftlichen Atmosphäre, die stärker nach Anpassung und Vergessenheit verlangt, schwieriger ist, Jugendliche für ein profilierteres Engagement in einem kirchlichen Jugendverband zu gewinnen. Aber die Mühe lohnt allemal, wenn auch um den Preis, dass der Verband nicht mit großen Zahlen aufwarten kann. Aber selbst das ist ein Stück seiner Freiheit, denn er muss sich keiner Quotierung aussetzen.

 

Jutta Lehnert,

Geistliche Leiterin der KSJ im Bistum Trier

 

[1] Kuno Füssel im Vorwort des Sommerlagerbuches der KSJ Trier: „Unzählige Methoden gibt es, um der Jugend das Denken auszutrieben…Überall werden Blödmaschinen installiert. Das sind vor allem auf Kommunikation aufbauende Einrichtungen und Systeme, mit denen der Kapitalismus Dinge, Menschen, Märkte, Geld und Technik so ineinander verzahnt, dass es fast kein Entrinnen mehr gibt.“

[2] Anspielung an Wolfgang Schröer, Befreiung aus dem Moratorium? In: Entgrenzte Lebensbewältigung, S. 10

[3] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

[4] Ein Text, der immer noch Gültigkeit hat und äußerst lesbar ist: Der Beschluss „Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit“ der Würzburger Synode.

[5] Gaudium et spes 33: „“Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie das Salz der Erde werden kann. So ist jeder Laie kraft der ihm geschenkten Gaben zugleich Zeuge und lebendiges Werkzeug der Sendung der Kirche selbst „nach dem Maß der Gabe Christi“ (Eph 4, 7).“

[6] „Aufgabe und Rolle der Geistlichen Leitungen in den Mitgliedsverbänden des BDKJ im Bistum Trier“, Textgrundlage verabschiedet im Dezember 2009, bisher von der Bistumsleitung nicht angenommen.

[7] Fazit des Teams und Konzept des Kurses können erfragt werden.

[8] Flyer zum Projekt „am Boden“ der KSJ Trier

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